Mittelschiff und Hauptchor
Trotz der langen Bauzeit und ihren verschiedenen Phasen überwältigt den Eintretenden die Geschlossenheit des Raumes, dem eine Bewegung in die Senkrechte und nach vorn innewohnt. Der Blick gleitet ungehindert an den dünnen Gewölbediensten und den glatten, schwerelosen Wandflächen des hohen Mittelschiffs vorbei in die Tiefe des Hochchors; zugleich wird er durch den lichten Obergaden nach oben gelenkt, wo schmale, queroblonge Joche rasch aufeinander folgen. Kein Triumphbogen hemmt das Verfließen des Hochschiffs mit dem Hochchor. Die gleichstarken, hohlgekehlten Kreuzrippen und Gurte fördern die Vereinheitlichung der Gewölbezone, während unten einst ein Lettner, später ein schmiedeeisernes Gitter Chor und Schiff voneinander schied. Doch unterstreicht die Ockerfarbe der "Terra di Siena" das Gerüst der gliedernden Teile und hebt es von den weißen Flächen ab. Die Achteckpfeiler der Langhausarkaden versuchen, den Raum zu den Seitenschiffen hin zu verschleifen. Ihnen sind 4 Runddienste auf attischen Basen und Polygonsockeln vorgelagert. Die Arkaden werden durch gekehlten Unterzug vor rechteckiger Grundlage profiliert. Deren halbierte Pyramidenkonsolen, die in den Seitenschiffen sich wiederholen, mildern den Wegfall der Kämpferplatte. Ruhen die Mittelschiffdienste der beiden östlichsten Pfeiler unten auf lisenenartiger Rücklage, so tragen die 4 westlichen Schaftringe über Kämpferhöhe. Die hochschießenden Dienste binden Gewölbe- und Arkadenzone zusammen. In Sohlbankhöhe der 2-teiligen Maßwerkfenster fangen sie über Kelchkapitäle mit Deckplatten das Gewölbe des Mittelschiffs und die Kappen des Chorhauptes auf. Die Waagrechte bleibt unbetont. Die Wanddienste der 4 Hochchorjoche ruhen in halber Höhe meist auf abgebogenen Hornkonsolen; das westliche Paar besitzt als Zierelement zusätzlich ein doppeireihiges Knospenkapitäl. Die Schlußsteine des Mittelschiffs zeigen bemalte Reliefs: gemaltes Diagonalkreuz, Christushaupt, verschiedene Geschlechterwappen, darunter das der Auer; die der Seitenschiffe zumeist Rosettenreliefs. Die Schlußsteine des Hauptchors erscheinen dagegen als Teller mit aufgemalten Rosetten.
An den beiden Stirnseiten der eingezogenen Chormauern stehen Altäre. Links befindet sich über dem Sakramentsaltar der Marianischen Kongregation seit 1950 in einem neuen Schrein die vielverehrte Schutzmantelmadonna, eine ebenso kostbare wie anmutige Plastik der Spätgotik (nach 1500, ursprünglich mit Stirnreif). Rechts ein Kreuz - Altar, auf dem 2 Dominikanerselige, Lucia von Narni und Matthäus Carrerius, unter dem Kreuz knien (Rokoko, nach 1742).
Die Wangen des Gestühls im Schiff tragen Pflanzen- und Knorpelschnitzwerk (1727). Wie im Fußboden des Hauptchors, finden sich überall in der Kirche verstreut viele Grabsteine. Alle 3 Chöre waren ursprünglich mit sandsteinfarbener Tönung und Qaderung ausgemalt (blauverfärbte Reste im Hauptchor unter späteren Malereien). An den Chorwänden gemalte Apostelkreuze mit Schwurhand (13. Jh.).
Im Hauptchor steht das eichene Chorgestühl (Ende 15. Jh.) mit 78 Stallen. Die Laubknäufe an den Seitenlehnen zeigen hie und da figürlichen Schmuck (Teufelskopf, Rückhälfte von Tieren). Der überkragende Baldachin ist mit Sprengwerk, die 4 Schlußwangen sind mit Astwerk besetzt. An den Rückwänden der östlichen Stalien Reproduktionen von Dominikanerheiligen (18. Jh.). Auf dem Fries unter dem Baldachin die Konventsnamen der "Teutonia" vor und nach der Reformation. Das alte Chorgestühl war niedriger. Über ihm standen ebenfalls die Konventsnamen nach der Reihenfolge ihrer Gründung, gemäß welcher die Konventsprioren bzw. Diffinitoren beim Provinzialkapitel ihre Plätze einnahmen. Die aufgemalten Blendarkaden mit Fialen und dem Namensfries (frühes 14.Jh.) sind am westlichen Hauptchoreingang unverdeckt zu sehen, auf der Epistelseite mit PRIOR beginnend, dann FRISACEN(SlS) — Friesach i. Kärnten, auf der Evangelienseite COLONIEN(SlS) — Köln. Der 4. Konvent der Epistelseite. RATISPONEN(SlS) - Regensburg. ist durch einen mehrfach übermalten Stadtturm mit Schlüsseiwappen hervorgehoben. Über den Blendarkaden wurden in der 2. Hälfte des 15. Jh. auf beiden Seiten einander ergänzend je 7 Szenen des Leidens Christi, dazwischen teppichhaltende Engel, aufgemalt. Die Epistelseite schließt mit Thomas von Aquin, die Evangelienseite mit Dominikus unter blütengeschmückter Arkade. Die Bildlegenden sind nicht mehr lesbar. In der Mitte der Südreihe befindet sich das etwas später aufgemalte Zifferblatt einer Uhr mit 3 Propheten und Apostel Paulus. Die Passionabilder sollten die zum Chorgebet versammelten Brüder an die Deutung des Chorgebets auf die 7 Leidensstationen des Herrn erinnern. Unter dem Ostende des südl. Chorgestühls verbirgt sich eine als flache Wandblende im Kleebogen mit Wulst und Kehle gerahmte Sessionsnische für die Zelebranten.
Der neugotische Hochaltar (Nachahmung des Altars der Eliaabethkirche in Marburg) trat 1869 an die Stelle eines klassizistischen Ziborienaltares. Über der Kreuzigungsgruppe im Mittelfeld Christus als Priester, rechts die Hll. Blasius und Thomas von Aquin, links die Hll. Albert und Aloisius. - Aus derselben Zeit der Regotisierung stammt auch die Kanzel im Langhaus. - Die 5 schmalen, zweiteiligen Chorachlußfenater mit Schräglaibung und Vierpaßmaßwerk besitzen innen kapitäl- und besengeschmückte Rundstäbe.Beim Blick vom Chor nach Westen überatrahlt das mächtige, 6-teilige gotische Westfenster den barocken Orgelprospekt mit musizierenden Engeln auf gut eingepaßter, geschwungener Empore (beides um 1727).
Die Seitenschiffe
Die Seitenchöre mit 5/8-Schluß und ihren Hornkonsolen der Joche kommen mit dem Hauptchor überein, ihre beiden Schlußfenster haben ebenfalls vorgelegte Rundstäbe. Doch kann sich in ihnen die im Hauptchor zurückgedrängte Zierlust ungehemmt entfalten. Im Nordchor (lks.) fallen neben den wenigen Blatt- und Knospenkapitälen und den Zierformen an den Runddiensten des Chorschlußiensters (rechts Türmchen, links kleines Tor mit Krabben) besonders die Trägerfiguren der Dienstkapitäle ins Auge; zuerst ein Dominikaner-Laienbruder, den der Zirkel in der Hand als Werkmeister der Kirche bzw. als "praefectus operis" erweist (daneben in Majuskel-schritt: BRU/DER/DIE/MAR); dann 2 Bauleute, von der Last fast erdrückt, über dem einen am Kapitäl 2-leibige Phantasievögel. An der Südseite folgt auf ein Bronze-plättchen an der Wand von 1477 eine 3,50 m hohe und 1,35 m breite Nische, die ihre Parallele im Südchor hat. Anfangs vielleicht Schranknische für Paramente und Altargerät, wurde später ein Auslug auf den Hochaltar und eine Öffnung (Fensterrosette) zum Hauptchor durchgebrochen. Von hier aus konnten die Beginen, die von den Predigerbrüdern betreut wurden, oder Angehörige der hier begrabenen Geschlechter dem Chorgebet und der Messe der Brüder folgen. An den Wänden sind Kalkgrabsteine dieser verschiedenen Geschlechter aufgestellt. Die Wappen der Grabsteine kehren an dem mit Beschriftung versehenen Wappenfries wieder, das um 1300 an der Südwand über vermauertem Nischangrab aufgemalt wurde. Gegenüber steht das "Album Marianum", ein Listenschrank der Kongregation. Die Schlußsteine der "Adelskapelle" zeigen Reliefschmuck; Pelikan, Flügelrad, Ahornblatt, Löwe und auf ihm ein Drache. In den unregelmäßigen Ansätzen des Gurtbogens zum Nordschiff verbirgt sich links ein dämonisches Fabeltier, rechts eine Maske.
An der Deckplatte der SEPULTURA/F.F./SAC(RI) ORD(INIS) PRAED(ICATORU)M/1770 vorbei wenden wir uns dem südlichen Seitenschitf (rechts) zu, dessen Südwand im letzten Joch ein 16-teiliges, sehr zerstörtes Wandgemälde in 4 Reihen übereinander mit Spruchbändern trägt (vom Meister des Gemäldes der Schutzmantelmadonna?). Die oberen 8 Bildnisse schildern die Passion des hl. Sebastian, die untern 8 das Leben des hl. Thomas von Aquin nach der Vita des Wilhelm von Tocco (Ende 15. Jh,). Links davon veranschaulicht ein Sandateinrelief in 11 Feldern das Leiden und Sterben Christi. Erzählfreude und archaische Ausführung stehen in Kontrast (um 1450?). Die neugotische Sakristeitür von 1897 unterbricht eine von Rankenband gesäumte, sehr frühe Darstellung der 14 Nothelfer (um 1330), die rechts mit Christophorus beginnt und links mit einem Bischof endet, zu dessen Füßen ein Dominikaner kniet; darüber Stifterbild (hl. Katharina mit kniendem Ritter) mit Jahrzahl "1331".
Der Südchor diente im Mittelalter bis 1893 als Sakristei, vom Seitenschiff durch eine Trennwand abgeschieden. An Nord- und Südwand hängen dunkle Bilder (um 1630); Dominikus feiert die hl. Messe für Napoleon Orsini" und ein Gnadenstuhl. Eine niedere Tür und ein Fenster in Stichbogennische, mit 3 Spitzbogen ungenast nebeneinander, öffnen zum Kreuzgang, eine Tür in der Nordostecke zum Hauptchor. Zwei große Wandnischen enthalten rechts eine Piscina mit eingemeißelter Jahreszahl 1490 und links einen bemalten Sakristeischrank aus derselben Zeit mit Zierleisten. Die obere Schlußleiste ist mit den konturierten und bemalten Halbfiguren der Hll. Dominikus, Blasius und Thomas v. A. geschmückt.
